100 Jahre Sozialdemokratische Partei Laupen…

 

 
   
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 ...oder die Genossen wollen es wissen

Die Gründung
Am 26. Oktober 1911 trafen sich in der «Wirtschaft Gosteli», also dem Restaurant Sensebrücke Laupen, 14 «Genossen» und beschlossen, die «Sozialdemokratische Mitgliedschaft Laupen» zu gründen, «worauf alle Anwesenden einen kräftigen Schluck tranken aufs Wohl und Gedeihen des Vereins», wie der Protokollierende festhielt. Genosse Sorg schlug unter «Verschiedenem» vor, mit einem Schreiben an den Gemeinderat zu gelangen und um die Benützung des Schulhauses für die Versammlungen anzufragen. Der Grund dafür lag auf der Hand. In den Wirtschaften mussten die Männer etwas konsumieren, und das konnten sich die meisten der Anwesenden kaum leisten. Der Gemeinderat lehnte die Benützung des Schulhauses ab. Er wollte den «Roten», diesen Aufwieglern, nicht noch einen öffentlichen Versammlungsraum zur Verfügung stellen.


   
Der «Verein» blüht auf

Dann legte der neue Verein so richtig los. Jeden Monat wird eine Versammlung abgehalten. Schon an der «Ordentlichen Monatsversammlung» vom 7. Dezember 1911 darf Präsident Wyssa mitteilen, dass von einem Genossen Ryser von Biel verschiedene Bücher gratis zur Verfügung gestellt worden sind als Grundstock für die öffentliche Bibliothek. Noch am gleichen Abend wird ein Bibliotheksreglement verabschiedet. Dann wird beschlossen, eine Motion an den Gemeinderat «betreffend der grassierenden Wohnungsnot» zu verfassen. Zudem wollen die Genossen an der nächsten Gemeindeversammlung mit Nachdruck das Geschäft «unentgeltliche Verabfolgung der Lehrmittel an den hiesigen Schulen» unterstützen. Und nach Neujahr soll es einen Vortrag geben über das eidgenössische Kranken- und Unfallversicherungsgesetz. Unter Verschiedenem wird beschlossen, jedes Mitglied habe das Mitgliedbuch und die Statuten im Betrag von 90 Rappen selber zu bezahlen, um die Vereinskasse nicht unnötig zu belasten. Genosse Ringer schlägt vor, an der Gemeindeversammlung sei ein Vorstoss zu machen, man möge allen Laupener Stimmbürgern das Steuerregister gedruckt zustellen.

An der Versammlung vom 8. Februar 1912 sind schon 38 Genossen anwesend. Der neue «Verein» hat demnach eingeschlagen wie eine Bombe. Für ein Referat an einer der nächsten Versammlungen soll ein gewisser Nationalrat Robert Grimm angefragt werden. Und Genosse Moser wünscht, dass alle Genossen, welche noch in keiner Krankenkasse sind, in die Krankenkasse des Amts Laupen eintreten.... Im gleichen Tempo geht es weiter. Am 21. März 1912 hält Parteisekretär Münch ein zweistündiges (!) Referat über «Der Arbeiter und seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft». An der Maiversammlung 1912 nehmen 44 Genossen teil.


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Das frühindustrialisierte Laupen

Weshalb entstand gerade im Landstedtli Laupen so früh eine linke Partei? Der Hauptgrund dafür sind die Industriebetriebe, die sich hier ansiedelten und entwickelten. Aus dem Ort, wo noch 1852 sechzig Personen oder zehn Prozent der damaligen Einwohner der hiesigen Not flohen und nach Amerika auswanderten, entstand 1853 die Kartonnagefabrik Ruprecht. Johann Peter Rytz gründete 1896 die Ritz Bisquits AG; die AG für Sand- und Kiesverwertung nahm 1924 den Betrieb auf und beutete beim Zusammenfluss von Sense und Saane das angeschwemmte Geschiebe der beiden Flüsse aus. Die Buchdruckerei Bollmann von 1905 wurde zur Polygraphische Gesellschaft, welche zu ihrer Blütezeit führend war in der Kunst-Reproduktion und 250 Arbeitende beschäftigte. Mit diesen Betrieben entstand eine Arbeiterschicht mit deren politischem Bewusstsein. Heute ist der frühindustrielle Glanz verblasst und von den erwähnten Betrieben hat nur die Ritz AG überlebt.


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Selbstbewusstsein und Solidarität

Blättert man in den alten Protokollen, mag heutigen Lesern vieles von damals pathetisch erscheinen. Konsequent werden die Mitglieder zum Beispiel mit «Genosse» angesprochen. Genossinnen gibt es noch keine. Das Wort «Genosse» wird heute von vielen Leuten belächelt. Es tönt nach verstaubten Doktrinen und nach Klassenkampf. Aber die Anrede hatte Methode. Die Vordenker der Sozialdemokratie hatten schon vor mehr als hundert Jahren Grundlegendes erkannt, das noch heute gilt: Menschen können sich nur für ihre Rechte wehren, wenn sie das nötige Selbstbewusstsein besitzen. Dieses bildet sich unter anderem durch Wissen und durch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und für ihre Anliegen verschaffen sich Gruppen ohne Macht und Kapital nur Gehör, wenn sie solidarisch sind: Selbstbewusstsein durch Bildung und Macht durch Solidarität. Also trieben die linken Gruppierungen schon früh die Weiterbildung voran, gründeten eigene Vereine, sprachen sich auf ihre Weise an – und hielten zusammen. In Laupen formierte sich ein Arbeiterbildungsausschuss. Ihm unterstellt waren die Arbeiter-Radfahrer Laupen, die Sektion Laupen des Buchbinderverbandes und die Naturfreunde Laupen. (In grösseren Ortschaften gab es auch Arbeiter-Turnvereine und Arbeiter-Gesangsvereine.) Zudem entstand in Laupen eine Niederlassung des Konsumvereins. Es bildete sich eine linke Parallelgesellschaft zu der bürgerlichen. In ihren eigenen Vereinen wurden die Arbeiter ernst genommen und sie konnten beweisen, dass sie genauso wie die Bürgergesellschaft in der Lage waren, ihren Alltag zu gestalten. Gewisse Vereine waren auf der anderen Seite nur dem wohlhabenden Bürgertum zugänglich. Das wurde auf der Gegenseite als Arroganz ausgelegt und löste Trotz und Gehässigkeit aus. Dies führte zu einer scharfen Abgrenzung zwischen bürgerlicher und sozialdemokratischer Welt. Man lebte nebeneinander her und beargwöhnte sich gegenseitig. Kaum einem Laupener Gewerbler wäre es in den Sinn gekommen, ins Konsum einkaufen zu gehen. Tat man es gleichwohl, dann möglichst unauffällig. Laupens führende Bürgerschicht pflegte die Aktivitäten der Linken mit nachsichtigem Lächeln zu quittieren. Wegen des eingeführten Proporzes rutschten Sozis bald in den Gemeinderat und in die Kommissionen und man musste sich mit ihnen arrangieren. Aber gerne erzählte man sich in bürgerlichen Kreisen weiter, einer der «Genossen» sei wieder mal während einer Sitzung eingeschlafen, und es sei schon klar, wer den Gemeindekarren ziehe; von der Arbeiterseite sei da jedenfalls wenig zu erwarten, und zum Regieren brauche es halt Erfahrung.

Nur widerwillig gestand man den Anliegen der Sozis eine gewisse Berechtigung zu. Diese wirkten auf wertkonservative Normalbürger oftmals exotisch. Zum Beispiel diese «linken Weiber». Die «nationale Frauenagitationskommission» gelangte 1921 an die Parteiorganisationen und die Frauengruppen des Kantons Bern und wies auf einen Referentinnenkurs hin, abgehalten im Volkshaus Bern. Ja, die Linken und das Frauenstimmrecht! Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen wurde jahrzehntelang belächelt und der Kopf geschüttelt über das Anliegen gewisser «Mannweiber». Linke Kreise forderten zudem schon in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts so «überrissene» Dinge wie eine Wehrmannsunterstützung, eine AHV und eine Arbeitslosenversicherung: Lauter Ansinnen, welche vor allem die wohlhabenden Kreise als unbezahlbar und deshalb ruinös abqualifizierten.


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Mut

Es brauchte damals Mut, ein Linker zu sein. In den Betrieben wurden sie beargwöhnt, und meldete sich ein Arbeiter der Poly Laupen an einer Gemeindeversammlung gegen die Interessen seines Direktors zu Wort, so konnte es sein, dass er am nächsten Tag in dessen Büro zitiert wurde. Die «Herren» liessen sich nicht gern dreinreden. Da schützten nur geschlossene Arbeiter-Reihen vor einer Entlassung. Wenn keiner ausscherte, alle zusammenhielten, dann konnten die Firmenleitungen gegen Einzelne wenig unternehmen. Deshalb  beschloss zum Beispiel die SP-Versammlung vom 21. Mai 1921, alle Genossen, welche der Laupener Maifeier ferngeblieben waren, an der nächsten Parteiversammlung namentlich zu erwähnen und so an den Pranger zu stellen. Es herrschten nicht eben feine Sitten. Ein Genosse Fröhlich stellte zum Beispiel an einer Parteiversammlung Genosse Fritz Klopfstein zur Rede und erklärte, er könne nicht verstehen, dass Fritz  an den Maifeiern schwänze; alle wüssten doch, dass er ein Sozialist sei und deshalb nehme er mit seiner Teilnahme ja kein zusätzliches berufliches Risiko in Kauf.

Ein Linker zu ein, das hatte offensichtlich mit Mut und Überzeugung zu tun. Die Genossen schienen sich an ihren Versammlungen nichts geschenkt zu haben und harte Dispute waren an der Tagesordnung. Auch hier ging man einen eigenen Weg: offene Auseinandersetzung statt Klüngelei unter Leuten mit gleichen wirtschaftlichen Interessen.

Der Graben zwischen den Parteien war in allen Lebensbereichen auszumachen. Hartnäckig hielt sich zum Beispiel in Laupen die Meinung, einer der Sekundarlehrer hole sich die nötige Reputation in der Öffentlichkeit, indem er auf den Arbeiterkindern herumreite und die Kinder der Begüterten und Angesehenen bevorzuge. Der gleiche Lehrer liess sich an einer Gemeindeversammlung vernehmen, eigentlich brauche es in den Neubauten der Wohnbaugenossenschaft im Neuquartier keine Badezimmer, für Arbeiter bedeute dies unnötiger Luxus, worauf ihm ein Arbeiter unter grossem Gelächter entgegnete, eigentlich seien Badezimmer ja vor allem für Leute gedacht, welche beim Arbeiten dreckig würden...


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Die erfolgreichen Genossen

Es gibt wohl kaum eine erfolgreichere Schweizer Partei als die Sozialdemokraten. Das lässt sich an ihren Zielen und am politisch Erreichten ablesen. Viele sozialdemokratische Anliegen sind heute eine Selbstverständlichkeit und kaum jemand weiss, dass Zehntausende für deren Verwirklichung gekämpft haben. Andere Anliegen blieben unerfüllt, wie zum Beispiel ein neues Bodenrecht und griffige Gesetze gegen Spekulation aller Art.

Waren die Genossen von damals die besseren Genossen als die von heute? Wohl schon. Weil sie wussten, wofür sie kämpften: um einen existenzsichernden Lohn, um eine AHV, um bessere Wohnverhältnisse und um gesellschaftliche Anerkennung. Und als sie dies alles erreicht hatten, als sie in ihren genossenschaftlichen Häusern  wohnten, sich später ein Auto und Ferien leisten konnten, da wussten sie nicht mehr, wofür sie kämpfen sollten. Da vergassen sie, dass es nichts umsonst gibt, schon gar nicht die gerechte Verteilung von Besitz und Reichtum. Und so wurden aus vielen Genossen, die auf dem Poly-Gebäude jeweils am 1. Mai die Fahne hissten, satte, rasenpflegende Konsumenten, welche sich begnügten mit dem, was sie erreicht hatten und die Nase rümpften über die neue Unterschicht, also die Einwanderer aus dem Süden. Nicht nur die Revolution frisst ihre eigenen Kinder, sondern auch der eigene Erfolg.

Ueli Remund